Neophyten-Hotspots wandern nach Österreich

30. März 2026

Hochauflösende Karten für fast 10.000 Pflanzenarten zeigen: Die globalen Hotspots invasiver Pflanzen verlagern sich. Für Österreich bedeutet das künftig wohl Ernteverluste, weniger heimische Arten und noch mehr Probleme für Allergiker.

Orangerotes Habichtskraut in einer Wiese.
Das Orangerote Habichtskraut ist in den Alpen Österreichs heimisch, verwildert aber aus Gärten in vielen Teilen Europas.

Ragweed lässt Tausende niesen, die Robinie überwuchert Blumenwiesen, und in manchen Gärten wachsen sogar Palmen – in Österreich gibt es bereits über 1.600 fremde Pflanzenarten, die ursprünglich aus anderen Regionen der Welt stammen.

Doch das ist erst der Anfang, warnt nun ein Forschungsteam der Universität Wien. Für eine in der Fachzeitschrift „Nature Ecology & Evolution“ erschienene Studie haben sie die Verbreitung von fast 10.000 gebietsfremden Pflanzenarten weltweit kartiert. Das Ergebnis: Die Hotspots, in denen sich besonders viele dieser Pflanzen wohlfühlen, verlagern sich von den Subtropen nach Europa. „Auch Österreich wird künftig also viel mehr eingeschleppte, nicht heimische Pflanzenarten aufweisen“, erklärt der Biodiversitätsforscher Franz Essl von der Universität Wien im Gespräch mit ORF Wissen.

Starke Verschiebung

In den hochauflösenden Karten modellierten Essl und sein Forschungsteam die aktuelle sowie zukünftige Verbreitung gebietsfremder Pflanzenarten unter verschiedenen Klima- und Landnutzungsszenarien. Die insgesamte Fläche, auf der sich die Pflanzenarten wohlfühlen, wird sich laut den Modellen wahrscheinlich nicht signifikant vergrößern – sehr wohl verschiebt sie sich aber geografisch. „Es wird Regionen geben, die weniger dieser Arten aufweisen werden, weil die klimatischen Bedingungen dort ungünstiger werden“, so Essl. Laut dem Biodiversitätsforscher wird das vor allem in den trockeneren subtropischen und tropischen Gebieten der Fall sein.

Stattdessen wandern die Hotspots nach Mitteleuropa. Waren früher den meisten Pflanzen vor allem die europäischen Winter noch deutlich zu kalt, ändert sich das nun nach und nach. „Die Winter werden wärmer, und damit können sich Arten aus warmen Ursprungsregionen zukünftig auch in Österreich viel stärker ausbreiten.“

Dreifach problematisch

Essl hält die Entwicklung für besorgniserregend. Natürlich seien nicht alle gebietsfremden Pflanzen für die heimischen Ökosysteme gefährlich – Beispiele wie das bekannte Ragweed und der Götterbaum würden aber deutlich zeigen, dass die Ausbreitung invasiver Pflanzen durchaus negative Folgen haben kann – und das in mehreren Bereichen.

„Die Ausbreitung eingeschleppter Pflanzenarten führt einerseits zur Ausbreitung von Problemunkräutern in der Landwirtschaft mit massiven Ernteverlusten", erklärt Essl. Sehr widerstandsfähige Arten wie die Robinie, der Götterbaum oder der Staudenknöterich breiten sich außerdem in naturnahen Lebensräumen aus und drängen die heimische Artenvielfalt zurück.

Und dann gibt es auch noch die gesundheitlichen Folgen. Das in Österreich bereits bekannte Ragweed wird künftig wohl zu einem noch größeren Problem für Allergikerinnen und Allergiker. „Es ist definitiv davon auszugehen, dass das Ragweed weiter zunehmen wird in Österreich“, so Essl. Außerdem werden künftig noch zusätzliche Pflanzen nach Österreich kommen, die für allergische Reaktionen sorgen könnten.

Folgen direkt spürbar

Was die Probleme verstärkt: „Die Hotspots werden sich besonders auch in jene Regionen verlagern, die von Menschen dicht besiedelt sind. Und die Folgen sind dann für die Menschen dort direkt und unmittelbar spürbar."

Denn neben steigenden Temperaturen gibt es laut Essl noch einen zweiten entscheidenden Grund für die globale Verschiebung: „Die Ausbreitung von eingeschleppten Pflanzenarten wird durch intensive Landnutzung und die Umwandlung von natürlichen Lebensräumen in vom Menschen bewohnte Gebiete stark gefördert“, so Essl.

Genaues Abwägen wichtig

Trotzdem: Nicht alle fremden Pflanzen sind schlecht. „Es sind sehr viele Arten, die sich bei uns ausbreiten werden. Nicht alle werden Probleme verursachen.“ Bei den Pflanzenarten, von denen man bereits wisse, dass sie problematisch werden, sollten jedoch vorbeugend Maßnahmen gesetzt werden, etwa durch strenge Importkontrollen.

Auch für die Forstwirtschaft werde es künftig wichtig sein, genau abzuwägen, welche Pflanzen nützlich und welche problematisch sind. Denn angesichts des Klimawandels stellt sich die Frage, ob nicht auch klimaresistentere, aber nicht-heimische Baumarten gepflanzt werden sollten. Essl ist hier aber vorsichtig: „Nicht-heimische Baumarten können unter ganz spezifischen Voraussetzungen an manchen Standorten eine Rolle spielen.“ Gleichzeitig brauche es aber „eine ganz klare Risikoabschätzung, damit hier keine Fehlentscheidungen getroffen werden“. Falsch ausgewählte Baumarten könnten heimische Arten zu stark verdrängen und die Ökosysteme so sehr durcheinanderbringen, dass noch mehr Probleme entstehen.

Appell für konsequenten Klimaschutz

Die zentrale Botschaft der Studie ist für Essl aber trotzdem klar: Ohne konsequenten Klimaschutz wird sich die Situation nicht bessern. „Der Klimawandel bringt wirklich sehr viele Risiken mit sich. Die Effekte auf die Artenvielfalt, auf die Gesundheit, auf die Landwirtschaft werden sich zukünftig noch deutlich verstärken. Daher ist hier mein klarer Appell, Klimapolitik ernst zu nehmen.“

Die neu erstellten hochauflösenden Karten des Forschungsteams sollen künftig als eine Art Frühwarnsystem dienen. Sie zeigen nicht nur, wo heute bereits invasive Arten vorkommen, sondern auch, wo sie sich in Zukunft ausbreiten könnten. Aufhalten lässt sich die Entwicklung zwar auch laut Essl nicht mehr. Doch bremsen und in geordnete Bahnen lenken vielleicht schon.

Quelle

Invasive Arten: Neophyten-Hotspots wandern nach Österreich - science.ORF.at